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Sitzentwicklung: Primus dank Wohlfühl-Faktor

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Human Factors Center – so heißt die Abteilung, die bei Opel das Wohlfühl-Gefühl der Kunden vertritt. Hendrik Ziegler ist dort für den Fachbereich Sitze zuständig. Vom Technical Lead Engineer wollten wir wissen, wie man zu Ergebnissen kommt, die den Konstrukteuren bei ihrer Arbeit weiterhelfen. Doch zunächst die Frage:

Wie wichtig nehmen Kunden das Thema Sitze?

Hendrik Ziegler, Technical Lead Engineer Seat Comfort, und sein TeamSogar sehr wichtig! Vor einiger Zeit führten wir mit GM eine markenübergreifend Untersuchung mit Kunden aus drei Segmenten (Corsa-, Astra- und Insignia-Klasse) durch. Wir wollten herauszufinden, was diesen an ihrem Fahrzeug wichtig ist und ob unser Verständnis von Komfort mit dem der Käufer übereinstimmt, sprich – testen wir überhaupt die richtigen Kriterien. Das Ergebnis: Das „Sitzen im Fahrzeug“ ist für den Fahrer mit Abstand das wichtigste Kriterium im Innenraum. Die Quote lag bei über 90 Prozent. In der Gesamtfahrzeug-Beurteilung findet sich dieser Punkt immer unter den Top-Merkmalen neben Spritverbrauch, Haltbarkeit und Preis. Erfreulich war dabei auch, dass die Bewertung der Kunden mit unseren eigenen Bewertungen grundsätzlich übereinstimmte – wobei wir intern noch differenzierter und kritischer urteilen.

Wann ist ein Sitz komfortabel?

Opel AstraLaut Faustformel sind straffe Sitze auf längere Sicht komfortabler als weiche, auf kurzen Strecken ist das Gegenteil der Fall. Nach fünf bis sechs Stunden empfindet übrigens jeder die Autofahrt als unangenehm – das kann auch der beste Sitz nicht verhindern. Unsere Tester fahren für eine Beurteilung rund anderthalb Stunden lang. Das genügt, um Schwachstellen zu identifizieren. Durchschnittlich sitzt jeder Autofahrer in Deutschland aber nur etwas über eine halbe Stunde und 40 Kilometer pro Tag im Auto, aufgeteilt auf um die drei Fahrten. Das Extrem sind die Vielfahrer wie Vertreter und Taxichauffeure. Deshalb werden die Sitze bei uns so straff wie möglich und so weich wie nötig ausgelegt.

Das klingt nach einem Spagat…

Da ist was dran. Man kann den Sitz eines Autos mit einem Schuh vergleichen, den man nur in einer Größe herstellen kann. Als Größe würde man logischerweise ein bisschen größer als die Durchschnittsschuhgröße wählen, als Design eher einen klassischen Schuh als ein High Heel oder Fußballschuh.

Sitzkomfortabstimmung im neuen Opel AstraFür all diejenigen, die mehr Passgenauigkeit wünschen, entwickelt man gegen Aufpreis ein Premium-Angebot. Dieses ist dann ganz nach den eigenen Bedürfnissen oder Vorlieben justierbar – mal länger, kürzer, breiter oder enger. Auch eine weiche, atmungsaktive Einlegesohle für ein besseres Fußklima wäre dann enthalten, um bei dem Beispiel mit den Schuhen zu bleiben.

Genau so arbeiten wir auch in der Sitz-Entwicklung. Dabei verfolgen wir den Ansatz, auch die Personen mit speziellen Rahmenbedingungen und Präferenzen einzufangen und damit unsere Sitze für so viele Menschen wie möglich ansprechend zu entwickeln. Unser interner Anspruch ist ein Basis-Sitz, der besser ist als der Durchschnitt. Beim Premium-Sitz wollen wir eindeutig Klassen-Primus sein.

Wie gehen Sie bei der Komfortabstimmung vor?

Bei einer Neuentwicklung simulieren wir unter anderem, ob der Hüft-Punkt als Referenzwert für die Cockpit-Erreichbarkeit passt, ob die Form stimmt oder ob die Druckverteilung und die Durchdringung des Insassen mit dem Sitz grundsätzlich vereinbar sind. Passiert da ein Fehler lässt er sich hinterher nur schwer korrigieren.

2015_87_B6_Opel_Blog_12Sobald dann die Prototypen da sind, beziehen wir unsere Testfahrer mit ein. Diese Expertengruppe arbeitet vor, während und nach der Fahrt einen detaillierten Fragenkatalog mit GM-weit identischen Schlüsselgrößen ab. Am Schluss wird dann eine subjektive Gesamtnote vergeben. Hier kann ein einziger Kritikpunkt den Komforteindruck abqualifizieren, auch wenn der Tester fast alles positiv fand. Freie Kommentare stellen sicher, dass wir auch Probleme erfassen, die im Fragenkatalog nicht klar zugeordnet sind. Zur besseren Auswertung dieser liegt dem Tester eine Abbildung des Sitzes vor, in der er bestimmte Stellen am Sitz markieren und auf seinen Kritikpunkt aufmerksam machen kann.

Wie läuft die Auswertung?

Nach den Testfahrten eruieren wir in einem Meeting, wo der Schuh drückt. Da die Daten alle elektronisch erfasst sind, generieren wir durch einen speziell programmierten Algorithmus den sogenannten Diskomfortwert. Dieser zeigt uns automatisch die Schwachpunkte des Sitzes an. Dazu kommen die gemäß Standardabweichung gewichteten Durchschnittswerte der Einzelurteile. Die so herausgefilterten Fehler pro Kriterium werden nach Größe sortiert. Diese Prioritätenliste gehen wir Punkt für Punkt durch und definieren Abhilfen. Die Gesamtbewertung interessiert uns dabei gar nicht so sehr. Wir wollen die Schwachpunkte ermitteln. Denn die Idee ist: Wenn man die Schwachpunkte beseitigt, wird auch die Gesamtbewertung besser. In der Regel genügt es, die oberen 20% der Schwachpunkte zu beseitigen um das Gesamtergebnis deutlich zu verbessern. Das Paretoprinzip lässt sich gut bestätigen.

Wer testet die Sitze?

Hendrik Ziegler, Technical Lead Engineer Seat Comfort, und sein TeamWir bauen auf ein feststehendes neunköpfiges Team, bestehend aus Männern und Frauen unterschiedlicher Größe und Statur. Das sind echte Sitzgefühl-Profis. Dank ihres speziellen Talents und ihrer Erfahrung spüren diese Leute ganz genau, wenn etwas nicht stimmt. Dadurch, dass jede Person ihre Präferenzen hat, bekommen wir eine recht große Bandbreite an verwertbaren Rückmeldungen. Die technische Zuordnung und Beseitigung eines identifizierten Problems ist dann freilich unsere Sache.

Wie verlässlich sind diese Aussagen?

Unser Fragenkatalog enthält durchaus Kontrollmechanismen. Wenn etwa jemand ankreuzt, dass die Lordosenstütze gut einstellbar ist, und sich am Ende über die mangelnde Unterstützung beklagt, ist das nicht stimmig. Wir hinterfragen auch Reihen von Bestnoten oder umgekehrt Negativ-Beurteilungen ohne Kommentar. Ich habe meine Tester auch schon mehrfach ohne deren Wissen den gleichen Sitz testen lassen. Das Ergebnis war sehr gut, wir hatten eine sehr hohe Widerholgenauigkeit.

Wie reagieren die Sitzentwickler auf Ihre Ergebnisse?

Nun, wir sind ja ebenso Sitzentwickler und decken einen Teil der Sitzentwicklung ab. Somit respektieren die Kollegen natürlich unser Feedback. Es kommt schon mal vor, dass die Kollegen von unseren Ergebnissen und Lösungsvorschlägen nicht begeistert sind. Dann müssen wir halt zusammen zusehen, wie sich eine Abhilfemaßnahme in den Projektablauf fügen lässt und wie wir die scheinbare Unvereinbarkeit mit anderen Anforderungen auflösen. Das sind teils kontroverse Diskussionen, die uns bisher immer weitergebracht haben. Denn allen Beteiligten ist klar, dass der Sitzkomfort und das Wohlgefühl der Kunden in unseren Autos über allem stehen.

Opel Astra Opel Astra: Opel Astra

Verbrauchs- und Emissionswerte: Weitere Informationen zum offiziellen Kraftstoffverbrauch und den offiziellen spezifischen CO2-Emissionen neuer Personenkraftwagen können dem ‚Leitfaden über den Kraftstoffverbrauch und die CO2-Emissionen neuer Personenkraftwagenʻ entnommen werden, der an allen Verkaufsstellen und bei der DAT Deutsche Automobil Treuhand GmbH unentgeltlich erhältlich ist.